Exzerpte
Edition Winckelmann Exzerpte digital, hrsg. von Elisabeth Décultot und Martin Dönike für den philologisch-kritischen Teil – von Marcel Frey-Endres, Alicia Gesch, Sascha Heße, Paul Molitor, Andrea Rapp, Jörg Ritter und Torsten Schenk für den digitalen Teil der Edition, Version 1 vom 16. September 2024.

Einleitung
Das Portal verfolgt zwei Ziele: (1) die digitale Edition einer exemplarisch ausgewählten kunsttheoretischen Schrift (J. J. Winckelmann, Gedancken über die Nachahmung, 2. Aufl., 1756), die mittels der Verknüpfung dreier Korpora – gelesene Quellen, Exzerpte aus diesen Quellen, gedruckte Schrift Winckelmanns – die Kette der textlichen Tradierung bzw. Transformation sichtbar macht; (2) die Entwicklung einer digitalen Methodik zum Auffinden semantischer Querverbindungen zwischen einer gegebenen Exzerptsammlung, den dafür verwendeten Quellen und einem oder mehreren daraus entstandenen Werken.
Exzerptsammlungen, die in der Literatur-, Wissenschafts- und Archivgeschichte bisher kaum wahrgenommen worden sind, sollen hiermit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und mit Hilfe der entwickelten digitalen Analysewerkzeuge neue Forschungen generieren.
Eine besondere Schärfung dürfte in diesem Zusammenhang die zentrale theoretische Frage erhalten, was Autorschaft überhaupt ausmacht und wie sich Autorschaft zu Begriffen verhält, die in der Neuzeit immer häufiger als deren Gegenpole verstanden werden, wie etwa Reproduktion, Nachahmung oder Plagiat. Wertvolle Impulse wird diese Edition insbesondere für eine neue Auseinandersetzung mit der Frage liefern, welche konkreten Prozesse der Entlehnung, Aneignung und Weiterverwendung von Gelesenem dem seit den 1960er Jahren in der Literaturwissenschaft verbreiteten Begriff der Intertextualität zugrunde liegen. Intertextualitätstheoretiker wie etwa Julia Kristeva oder Gérard Genette haben sich mit Exzerptsammlungen und exzerpierenden Praktiken nie befasst.
Winckelmann und das Exzerpieren
Als Autor zentraler Texte zur Kunsttheorie und ‑geschichte des 18. Jh. hat Winckelmann stets versucht, seine Originalität gegenüber seinen Vorgängern zu betonen, insbesondere dadurch, dass er sich als ein ‚connoisseur‘ stilisierte, der sein Wissen über die Kunst nicht aus gelesenen Büchern, sondern aus der Autopsie, der empirischen Betrachtung realer Kunstwerke bezog. Dementsprechend wird er bis heute gerne als Gründer der modernen Wissenschaften der Kunstgeschichtsschreibung und Archäologie gefeiert.
Ziel der digitalen Edition
Ziel dieser digitalen Edition ist es, die intertextuellen Bezüge genauer ins Auge zu fassen, die drei Korpora miteinander verbinden:
- Winckelmanns veröffentlichtes ‚Werk‘, die Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst;
- die handschriftlichen ‚Exzerpte‘, die er für die Arbeit an dieser ersten Publikation benutzt hat;
- die ‚Quellen‘, d.h. die Druckwerke, die er als Vorlage für seine Exzerpte benutzt hat.
In der vorliegenden digitalen Edition werden die Exzerpte, die er für die Arbeit an den Gedancken über die Nachahmung benutzt hat, sowohl als Image-Digitalisate des handschriftlichen Originals und als Transkriptionen präsentiert. Die für diese Exzerpte benutzten Quellen sind über einen Link zu den Digitalisaten der Vorlagen einsehbar. Überall dort, wo die Vorlage genau identifizierbar war, wird auf die von Winckelmann benutzte Edition verwiesen; wo mehrere Editionen möglich sind, wurde die wahrscheinlichste ausgewählt. Im Falle von Exzerpten aus griechischen und lateinischen Quellen, bei denen die konkrete Vorlage nicht zu identifizieren ist, wird auf eine moderne Edition verwiesen.
Mit der Verknüpfung der drei genannten Korpora anhand digital erzeugter und visualisierter Querbezüge soll die lange Kette der textlichen und bildlichen Tradierung bzw. Transformation in der Gesamtheit ihrer Formen von der originalgetreuen Übernahme (etwa ausgewiesene oder unausgewiesene Zitate bzw. Übersetzungen) bis hin zum weit entfernten ‚Nachklang‘ auffindbar, sichtbar und analysierbar gemacht werden. Dabei ist zu beachten, dass die im Portal angegebenen Querbezüge zwischen Exzerpt und publizierter Schrift dort, wo sie nicht von Winckelmann selbst explizit in Form etwa von Anmerkungen eindeutig belegt sind, lediglich als vom Exzerptmaterial nahegelegte Vermutungen anzusehen sind.
Vollständige Bibliographie
Zum transkribierten Werk Winckelmanns
Als Grundlage für die Transkription wurde für die Kernschrift der Gedancken über die Nachahmung die erste Auflage von 1755 genommen und für die drei zusätzlichen Texte des Sendschreibens über die Gedanken, der Nachricht von einer Mumie und der Erläuterung der Gedanken ebenfalls deren Erstauflage in der zweiten, vermehrten Auflage der Gedanken über die Nachahmung von 1756:
- Winckelmann, Johann Joachim: Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst, Friedrichstadt, gedruckt bey Christian Heinrich Hagenmüller, 1755;
- [Ders.]: Sendschreiben über die Gedanken von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst, in: Ders.: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst, Zweyte vermehrte Auflage, Dresden und Leipzig, Im Verlag der Waltherischen Handlung, 1756, S. 45-89;
- [Ders.]: Nachricht von einer Mumie in dem Königlichen Cabinet der Alterthümer in Dreßden, in: ebd. S. 90-98;
- [Ders.]: Erläuterung der Gedanken von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst; und Beantwortung des Sendschreibens über die Gedanken, in: ebd. S. 99-172.
Zu den transkribierten Exzerpten
Editorische Richtlinien zu den Exerzpten
Die Exzerpttexte Winckelmanns wurden nach der Originalhandschrift buchstaben- und zeichengetreu inklusive von Streichungen, Korrekturen, Ergänzungen und Überschreibungen konstituiert. Um den Abgleich mit den ebenfalls bereitgestellten Digitalisaten der Handschrift zu erleichtern, wurde der Zeilenfall der Vorlage ebenfalls getreu abgebildet. Abkürzungen, Ligaturen, Kürzel sowie der Geminationsstrich über „n“ und „m“ wurden dagegen stillschweigend aufgelöst.
Als Grundlage für die Nummerierung der Exzerptseiten wird die fortlaufende Paginierung übernommen, die erst nach Winckelmanns Tod im Zuge der archivalischen Bearbeitung der Handschriften bei der Eingliederung in die Bestände der Aufbewahrungsinstitutionen entstanden ist.
Hinsichtlich der nicht immer einfachen Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung wurde versucht, einer der Originalhandschrift getreuen Wiedergabe den Vorzug zu geben und bei Zweifeln bezüglich der Minuskel- oder Majuskelform eines Buchstabens nach den Schreibgewohnheiten Winckelmanns zu entscheiden. Gleiches gilt für nicht immer eindeutig unterscheidbare Getrennt- und Zusammenschreibungen.
Editorische Richtlinien zu Winckelmanns gedrucktem Werk
Zur Zitierweise der Edition
Die hier edierten Exzerpte Winckelmanns sollten nach dem folgenden Muster zitiert werden:
ExzW, Institution (Ort) [BNF (Paris) oder BU Historique de Médecine (Montpellier)], Exzerptband/Scannummer, Folionummer r (= recto) oder v (= verso), Zeile(n)
Beispiele:
ExzW, BNF (Paris), Bd. 61/9, fol. 1r, Z. 1-8.
ExzW, BU Historique de Médecine (Montpellier), Bd. H356/8, fol. 1r, Z. 1-5.